XVI. ROHKUNSTBAU ATLANTIS I - Hidden Histories - New Identities XVII. ROHKUNSTBAU ATLANTIS II - Hidden Histories - Imagined Identities, 09.07. - 12.09. 2010, Schloss Marquardt / Potsdam Vernissage 4. Juli, 16 Uhr
Die
um den Mythos Atlantis entwickelten Staatsideen sind Thema der
Rohkunstbau-Ausstellungen 2009 und 2010. Angelehnt an den antiken
philosophischen Streit um den Idealstaat geht die traditionsreiche
Ausstellungsinstitution für ortsbezogene, zeitgenössische Kunst in das
Jubiläum ihres 15-jährigen Bestehens. Unter Referenz auf das mythische
Atlantis, das zuerst von dem Philosophen Platon in seinen Dialogen
erwähnt wird, sollte 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die
Suche nach verborgenen Geschichten und neuen Identitäten unternommen
werden. Hidden Histories - New Identities verwies so im Untertitel der
Ausstellung auf die jüngste europäische Geschichte. Das Scheitern des
real-existierenden Sozialismus, basierend auf den
sozialistisch-kommunistischen Staatsideen, die ursprünglich eine
Idealgesellschaft schaffen sollten, war spätestens mit dem Fall der
Berliner Mauer für jedermann offensichtlich. Zugleich war es aber eben
auch der Beginn einer neuen europäischen Identität. Platon hat in
seinen Schriften die Idee eines Atlantis bemüht, um sein
Gesellschaftsmodell anschaulich zu machen. Daraus entspann sich unter
den Philosophen Platon, Sokrates und Aristoteles alsbald ein Diskurs
über egalitäre und elitäre Staatsideen. Dieses Streitgespräch hat Rohkunstbau thematisch aufgenommen. Und so beschäftigte sich die
Ausstellung in 2009 mit den egalitären Ideen des Aristoteles und nimmt 2010 mit Atlantis II die elitären Staatsideen eines Platon in den Blick. Das Theorem des idealen Inselstaats ist über Jahrhunderte
hinweg mit unterschiedlichsten Gedanken zu Verlorenem und
Wiedergefundenem, zu Identität und Freiräumen, zu Auflösung und
erneuter Formung in philosophischer aber auch politischer Hinsicht
aufgeladen worden. Rohkunstbau ist in seinem Bemühen um einen Diskurs
dazu Teil eines europaweiten Netzwerks mit Veranstaltungspartnern in
Griechenland, Bulgarien, der Slowakei und Italien nebst einer Plattform
zur Biennale in Venedig. Zehn Künstler aus Deutschland und Osteuropa
waren 2009 eingeladen, sich mit ortsbezogenen Arbeiten Gedanken zu diesem
Themenkomplex zu machen. Schloss Marquardt bei Potsdam hält zu solch
einer Auseinandersetzung reichlich Material bereit. Es liegt am Rande
der Potsdamer Schlösserlandschaft, die als Sinnbild einer
humanistischen Ideallandschaft gelesen werden kann und gleichzeitig die
Narben von Krieg und europäischer Teilung bis heute offen zeigt.
Verfall und Neuanfang, Untergang und Wiedererstehen - all jene
Gegensätze treffen in dem preußischen Arkadien aufeinander. Das Schloss
selbst hat eine weit zurückreichende Geschichte. Prominentester
Besitzer war General Hans Rudolph von Bischofswerder (1714 - 1803), ein
enger Vertrauter von König Friedrich Wilhelm II. und zugleich
überzeugter Rosenkreuzer. In architektonischer Hinsicht ist der Bau vor
allem durch An- und Umbauten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts
geprägt, als er in bürgerliche Hände gelangte. Carl Meyer von der Firma
Krupp ließ ihn ab 1878 im Stil des Neobarock und der Neorenaissance
umbauen und Louis August Ravené, Berlins erster bedeutender privater
Kunstsammler, stockte ihn ab 1912 auf und baute den Westflügel an. Der
verlassen-morbide Charme des neohistoristisch überladenen Interieurs
und die malerische Lage am Schlänitzsee laden nun, wie damals im
Ur-Rohkunstbau, abseits der üblichen Wege wieder ein zu ortsbezogener,
zeitgenössischer Kunst am besonderen ländlichen Ort. |